Sind Hotelarchitekten Schlafmützen?

Architekten und Designer sind stets auch Visionäre, oft ihrer Zeit voraus. Mit neuartigen Werkstoffen und Technologien werden oftmals revolutionäre Perspektiven entwickelt. Doch wie sieht es mit den Hotelzimmern und ihren Betten aus? Wurde hier der Stand der Technik verschlafen?

Was würde Louis Henry Sullivan heute über Architekten denken, die sich mit der Einrichtung eines Hotelzimmers zu beschäftigen haben? Seinen Gestaltungsleitsatz «Form follows function» würde er sicherlich auch hier zum Massstab erklären und am Nutzzweck ausrichten. Sicherlich würde er auch den Stand der Technik und des Machbaren berücksichtigen – und ganz sicher die Messlatte sehr hoch legen. Denn Architekten und Designer sind stets auch Visionäre, oft ihrer Zeit voraus. Neuartige Werkstoffe und Technologien haben Architekten schon immer dazu inspiriert, revolutionäre Perspektiven zu entwickeln. Dazu braucht es Motivation – und das Wissen, was möglich sein könnte.

Nur beim Bett für die Nacht hat die Hotellerie keine Konkurrenz

Übertragen auf ein Hotelzimmer sollte das Hotelbett im Mittelpunkt stehen, wo hoffentlich jetzt niemand widerspricht. Warum auch sonst sollte man ein Hotelzimmer aufsuchen? Öffentliche Bade­anstalten und Restaurants bieten ebenfalls sehr professionell die sonstigen Hotelleistungen an. Nur beim Bett für die Nacht hat die Hotellerie keine Konkurrenz. Und ja, in vielen Hotelzimmern steht tatsächlich das Bett im Mittelpunkt, zumindest in den kleineren Zimmern, wo man darauf achten muss, das man das Bett auch von allen drei Seiten erreichen kann, und wo es daher zwangsläufig in der Mitte steht. Aber das ist es dann auch schon meistens. Das Hotelbett: horizontale Aufbewahrungsfläche für den Gast zwischen Anreise und Auschecken. Aber der Nutzzweck eines Bettes umfasst heute mehr, auch und weil der Stand der Technik weiter ist. Erholt durch guten Schlaf, will der Gast am Morgen erwachen, er will ein gutes Gewissen haben und sich sicher fühlen. Was aber bedeutet das heute für ein Hotelbett?

Statt simpler Liegefläche smarte, anpassbare Bettsysteme

Es bedeutet, dass die Zeiten vorbei sein sollten, in denen sich der Gast dem Bett anpassen muss. Der Stand der Technik macht es möglich, dass sich das Bett dem Gast anpassen kann. Sei es durch eine Auswahl an Kissen und Zudecken, die dem individuellen Bedürfnis entsprechen, oder sei es durch verstellbare Matratzen und Unterfederungen, um den Körper anatomisch korrekt zu lagern (ginge sogar per Bluetooth, wenn man nur wollte …). Also statt simpler Liegefläche smarte, anpassbare Bettsysteme. Aber wo findet man heute solche Hotelbetten? Welcher Architekt weist seinen Bauherrn darauf hin, was heute möglich ist?

Das grüne Gewissen sollte ­berücksichtigt werden

Es bedeutet, das die eingesetzten Mate­rialien nachhaltig, ökologisch einwandfrei und recycelbar sein sollten. Nicht (nur) der Preis sollte relevant sein, sondern zunehmend das grüne Gewissen, denn Umwelt und Natur geht uns alle an – und auch die Gäste werden immer grüner! Ob Bettwäsche oder Matratze, bei allen eingesetzten Materialien liesse sich der grüne Gedanke konsequent verfolgen, also statt Standardmatratze eine, die nachweislich recycelbar ist, was der Hersteller auch anbietet. Aber welcher Architekt achtet bei den Ausschreibungen heute auf diesen Aspekt?

Es bedeutet zum Beispiel, auf Allergien und das gestiegene Hygieneempfinden Rücksicht zu nehmen. Also statt 08/15 nur waschbare und zertifizierte Materialien einzusetzen und dem Hotelmanagement auch ein Hygienemanagement für das Hotelbett in das Pflichtenheft zu schreiben. Aber wo sind diese Architekten?

«Form follows function» im Dornröschenschlaf

Seit Louis Henry Sullivans Tod vor 95 Jahren hat sich unfassbar viel hinsichtlich Werkstoffen, Technik, Möglichkeiten und Ansprüchen getan, gerade auch auf das Bett und das Thema Schlafen bezogen. Würde er heute unsere Hotels besuchen, würde er sich sicherlich fragen, warum sein Berufsstand diese letzten 95 Jahre verschlafen hat.

Der Autor

Jens Rosenbaum hat Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studiert, ist Diplom-Kaufmann und diplomierter Schlafberater der Akademie LDT Nagold. Er ist Herausgeber des Magazins «Schlafen Spezial», beratend tätig für Handel und Industrie sowie Autor vieler Fachartikel. Der praktische Bezug zum Thema erfolgt über ein familieneigenes, 1876 gegründetes Bettenfachgeschäft in Lehrte bei Hannover. Dieses wurde 2013 und 2019 mit dem Titel «Bettenfachhändler des Jahres in Deutschland» ausgezeichnet.

Jens Rosenbaum

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